Friedersdorf

Provinz Brandenburg - Regierungs-Bezirk Frankfurt - Kreis Lebus

Friedersdorf, am Rande des Oderbruchs gelegen, ist eines der ältesten Dörfer der Mark. Schon im Jahr 1146 kommt es urkundlich als im Besitz des jetz ausgestorbenen Geschlechts derer von Schapelow vor. Später ist Friedersdorf an die von Pfuel gekommen und war noch nach dem dreißigjährigem Krieg im Besitz der Familie. Das lange Elend dieses Krieges hatte aber den landbesitzenden Adel vorzugsweise schwer betroffen, und so sahen sich auch die Gebrüder Idel und Heine von Pfuel im Jahre 1652 genötigt, Friedersdorf zu verkaufen.

Es wurde mit dem Wiederverkaufsrecht an den Churbrandenburgischen Obersten und nachmaligen Hans Joachim von Görtzke für 14.000 Thaler überlassen. Damals war das Dorf ganz verwüstet, die Kirche und das Schloß bis auf die Grundmauern zerstört, im ganzen Dorfe überhaupt fand sich nur noch ein einziger Bauer. Hans Joachim von Görtzke, der sich seine Sporen unter Gustav Adolph verdient hatte und sich als einer der bedeutendsten Feldherrn unter dem grossen Churfürsten bewährte, war ein für jene Zeiten sehr reicher Herr, er hatte die Mittel und verstand es, das verwüstete Gut wieder empor zu bringen, so daß er als der Wiedererbauer von Friedersdorf betrachtet werden muß. Nicht allein die zwölf eroberten Geschütze, die der große Churfürst seinem General als ehrende Anerkennung geleisteter Dienste verlieh, erinnern in Friedersdorf heute noch an diesen hochausgezeichneten Mann.

Hans Joachim von Görtzke starb 1682, ohne männliche Nachkommenschaft zu hinterlassen; durch seine Tochter Elisabeth, vermählt an Hans Georg von der Marwitz auf Groß-Rietz, kam Friedersdorf an die von der Marwitz. Hans Georg von der Marwitz restaurierte Kirche und Schloß und hatte, als er 1704 mit Tode abging, die Friedersdorfer Wirthschaft auf eine hohe Stufe der Cultur gebracht; seine Wittwe (zweite Gemahlin – von Marie E. von Görtzke hatte er keine Nachkommen -) Sybille von Osterhausen führte eine treffliche Vormundschaft und Übergabe 1719 das gut im besten Stande. August Gebhardt von der Marwitz besaß Friedersdorf bis 1753. Ihm folgte sein Sohn Adolph 1756, Obrist des Regiments Gendàrmen, en Held des siebenjährigen Krieges, der 1781 als General starb. Während seiner Verwaltung wurde Friedersdorf von den Russen ausgeplündert. Sein Bruder Bernd Friedrich August Ludwig von der Marwitz, königlicher Hofmarschall, hielt sich nur im Sommer in F. auf und starb 1793. Dessen ältester Sohn war der um das Vaterland so hochverdiente F.A.L von der Marwitz, der in den Feldzügen von 1806, 1807, 1813, 1814, und 1815 mit großer Auszeichnung focht, im Frieden ebenso muthig den Feinden Preußens mit der Feder, wie im Kriege mit dem Schwerte entgegentrat und 1827 als Generalliutenant den Abschied nahm. Seitdem widmete er seine edle Thätigkeit vorzugsweise den ständischen Angelegenheiten und fungirte als Landtagsmarschall auf dem Provinzlandtage der Provinz Brandenburg. Was Friedersdorf betrifft, so hatte er nach dem Kriege die Wirthschaft aus dem Grunde zu organisieren; durch Brand verlor er die Wirthschaftshöfe, das Schloß ließ er in seiner jetzigen Architektur nach Plänen von Schinkel im Jahre 1827 herstellen. Einer der bedeutendsten Männer seiner Zeit, ein Patriot von erprobter Treue, starb der General von der Marwitz viel beklagt, im Jahr 1837, er bleibt unvergessen.

Friedersdorf hat er zum Fideicommis gemacht, die Bestätigung desselben erfolgte erst 1854. Der jetzige Besitzer ist der Rittmeister und Escadronschef im zweiten Landwehr-Dragoner-Regiment Bernhard von der Marwitz, Kreis-Deputirter und Mitglied des Herrenhauses, Sohn des Generalliutenants.

Das Friedersdorfer Schloß liegt in einem kleinen Parke von schönen alten Bäumen umgeben, dieser Park umschließt auch die Kirche, welche sehenswerthe Monumente und Holzschnitzereien enthält, sowie einen 1853 eingerichteten Begräbnisplatz für die Familie von der Marwitz. Die seit dem dreißigjährigem Kriege eingegangene Pfarre ist im Jahre 1850 von der Schwester des jetzigen Gutsherrn, dem Fräulein Sophie von der Marwitz, wiederhergestellt worden.


Das Rittergut umfaßt ein Areal von 2617 Morgen mit zwei im Oderbruch gelegenen Vorwerken, dazu gehört ferner noch eine im Jahr 1851nach amerikanischen System eingerichtete Windmühle. Im Dorfe befinden sich als ehemalige Unterthanen zwanzig Kossäthen, jeder mit ungefähr 70 Morgen Land.

Nachtrag: Das Schloß Friedersdorf überstand den zweiten Weltkrieg, trotz heftiger Kämpfe auf den in der Nähe gelegenen Seelower Höhen, mit nur leichten Beschädigungen. Es wurde als "Hort der Reaktion" 1956 gesprengt. Im Jahr 1991 kaufte und pachtete Hans-Georg von der Marwitz, ein Enkel des letzten Besitzers Bodo von der Marwitz, Teile der ehemaligen Besitzungen und restaurierte ehemalige Wirtschaftsgebäude. Die stark beschädigte  Schloßkappelle wurde durch einen Trägerverein und Spenden wieder Instand gesetzt.

(Text Duncker ca. 1860)

Grossen Kreutz

Provinz Brandenburg. – Regierungsbezirk Potsdam – Kreis Zauche-Belzig

Grossen Kreutz, Post- und Eisenbahnstation zwischen Potsdam und Brandenburg, ursprünglich Groten Krucewitz genannt, gehörte in den ältesten Zeiten der Familie von Rochow, in deren Besitz es zuerst urkundlich im Jahre 1351 vorkommt. 1593 verkaufte Erich und Detliof von Rochow an Herrmann von Streithorst unter dem Namen Grossen Kreutzwitz, nebst Uhlenhausen und Uhlenheide, von Sr. Majestät Friedrich Wilhelm I. bei der Gelegenheit Höchstseiner persönlichen Anwesenheit auf einer Jagd daselbst, nach dem Namen des damaligen Besitzers, in Hackenhausen und Hackenheide umgeändert Herrmann von Streithorst verkaufte das gesamte Besitzthum mit noch einigen anderen Gütern 1604 an Wulf Dietrich von Hacken, „Cammerherr zu Berlin, Haubtmann zu Potsdam und Saarmund, Dom Herr des hohen Stifts zu Magdeburg, Erb-Herr auf Berge“ im Havellande, dem Stammhuse der Hacken; in dessen Nachkommenschaft vererbte Gr. Kreutz vom Vater auf den Sohn bis Erbschenken Carl Botho Gottfried von Hacken, den Erbauer des hier dargestellten Herrenhauses, welcher 1801 als der letzte, rothen Linie, derer von Hacken mit Hinterlassenschaft einer einzigen Tochter Wilhelmine von Hacken verstarb. Diese hatte sich 1790 vermählt mit Johann Carl August Adam von Arnstedt, Erbherrn auf Demker und Welle in der Altmark, Königlich Preußischer Major und Flügel-Adjutant Sr. Majestät Friedrich Wilhelm II., nachdem er zuvor als Adjutant des ersten Bataillons Leibgarde, sieben Jahre lang der einzige persönliche Adjutant Sr. Majestät Friedrich des Grossen gewesen war. Er starb im Mai 1806, seine Wittwe 1828. Der älteste Sohn beider, August von Arnstedt, starb den Heldentod in dem blutigen Gefecht von Königswartha im Mai 1813, er ist durch ein Zusammentreffen begünstigender Umstände in der Familiengruft der auf dem Bilde sichtbaren Kirche beigesetzt; zu seinem Andenken ist das ebenfalls auf dem Bilde sichtbare eiserne Kreutz im Garten errichtet, welches aber nicht weiß, wie dargestellt, sondern schwarz ist. Der jetzige Besitzer, der zweite Bruder des vorgenannten August von Arnstedt ist der Rittmeister a.D. Albert von Arnstedt, vermählt seit 1824 mit Franziska von der Marwitz, ältesten Tochter des hochverdienten General-Liutenants F.A.L von der Marwitz auf Friedersdorf.

Der Name des Ortes hat sich im Laufe der Zeit in Grossen-Kreutz abgekürtz; der Besitzer und die Ortsbewohner schreiben Grossen Kreutz, welches durch die Postverwaltung eigenmächtig in Grosskreutz verändert worden ist.

Der wendische Name Crucewitz (deutsch Kreutzdorf), welchen Grossen Kreutzin der Zauche und das Havelländischen Kreise belegene Dorf Klein-Kreutz in den ältesten Zeiten gemeinschaftlich führten, so wie der Umstand, daß beide Brüche und der Havelstrom von einander getrennten Dörfer dennoch ursprünglich eine Parochie bildeten, indem Klein-Kreutz bis zum Jahre 1300 Filial von Groß-Kreutz war, erinnert an eine Sage, nach welcher bei der ersten Verbreitung des Christenthums, von dem im Jahre 949 gestifteten Bisthum zu Brandenburg aus, auf beiden Seiten der Havel und an beiden genannten Orten ein Kreutz, als Symbol des christlichen Glaubens errichtet worden sei.

Mag diese Sage, wie so viele andere, auch ohne historische Grundlage und ein bloßer Versuch sein, aus Namen Geschichte zu machen, so ist der ursprüngliche kirchliche Zusammenhang beider, zwei verschiedenen Territorien angehörigen Dörfer, so wie die Umbildung des deutschen Wortes Kreuz (Cruz) in einen wendischen Ortsnamen, doch jedenfalls nicht ohne Bedeutung, und rechtfertigt die Vermutung, daß beide Dörfer in erster christlicher Zeit von den Deutschen unter dem Namen angelegt, und nach der Empörung der Wenden im zehnten Jahrhundert Cruzewitz genannt wurden. Nach der späteren deutschen Besitznahme (1157) behielt man den wendischen Namen bei, unterschied beide Dörfer aber zuerst dadurch, daß man das in der Zauche belegene Wendisch-Crucewitz, und seit 1300 Gross Crucewitz nannte. Der heutige Name Groß-Kreutz ist erst zu Anfang des vorigen Jahrhunderts in Gebrauch gekommen.
Als Wendisch Crucwitz verkauften es die Markgrafen Otto und Albrecht im Jahre 1275 zugleich mit dem Dorfe Bochow und der Feldmark Oberzlow dem Kloster Lehnin.
Zum Schluß sei noch bemerkt, daß in diesem Herrenhause, welches seit 1765 steht, bis zum heutigen Tage, 1860, nur treue Königs-Knechte das Regiment geführt haben, und so Gott will bis an`s Ende führen werden, unbekümmert, wie wenig diese Ausdrucksweisee der modernen Auffassung zusagt.

Nachtrag: Das Gut Groß Kreutz überstand den zweiten Weltkrieg unbeschadet und beherbergte die Familie von der Marwitz bis zum Herbst 1945, von wo aus sie unter drohender Verhaftung floh. In der Zeit bis 1989 wurde der Betrieb als sozialistischer Musterbetrieb geführt und als Landwirtschaftsschule genutzt. Im Jahr 1992 erwarben die Brüder Borries und Donat von Müller, Enkel des letzten Eigentümers Bodo von der Marwitz, von der Treuhandanstald das Gut und Teile der angrenzenden Flächen.

(Text Duncker ca. 1860)

GROSS-RIETZ

Groß Rietz liegt unweit von Bad Saarow, 5 km von der Kreisstadt Beeskow entfernt. In 15 Minuten ist auf direktem Wege Fürstenwalde erreicht, von wo stündlich Züge nach Berlin fahren. Über die nahegelegene Autobahn A 12 erreicht man Berlin nach 20 Minuten.

Schloß Groß Rietz gehört zu den hervorragendsten Beispielen der Schloßbaukunst in der Mark Brandenburg um 1700. Das ursprüngliche Ensemble von Schloß, Park, Wirtschaftsgebäuden, Kirche und Friedhof ist noch wahrnehmbar. Im Inneren des Schlosses beeindrucken besonders die dreiarmige Treppenanlage und die Stuckdecken.

Schloß Groß Rietz wurde zwischen 1693 und 1700 für Hans Georg von der Marwitz , einem Hofmarschall Friedrichs I. erbaut, möglicherweise vom Architekten Cornelius Ryckwaert entworfen. Sein Enkel verkaufte das Barockschloß an den preußischen Staatsminister Johann Christoph von Wöllner (1732-1800), verheiratet mit einer Gräfin von Itzenplitz. Als Ratgeber König Friedrich Wilhelms II. übte er großen Einfluß aus und war der Verfasser des Religionsedikts von 1788.

n Groß Rietz widmete er sich der ökonomischen, wie auch ökologischen Entwicklung in der Landwirtschaft. 1861 gelangten Gut und Schloß wieder in den Besitz der Familie von der Marwitz, wo es bis zur Enteignung 1945 verblieb.

Das Schloß befindet sich im Eigentum der Brandenburgischen Schlössergesellschaft.


KLEIN NOSSIN

Nach Brüggemann hatte Klein Nossin um 1784 ein Vorwerk, eine Wassermühle, fünf Bauern, drei Kossäten, einen Schulmeister, innerhalb der Gemarkung des Dorfes das Vorwerk Malenz, insgesamt 26 Feuerstellen. Nach dem Siebenjährigen Krieg brannte das herrschaftliche Haus ab und mußte neu erbaut werden. Das neue Schloß wurde so großartig aufgebaut, daß die Baukosten in der schweren Zeit nach dem Kriege die Vermögensverhältnisse des Besitzers Oberst Georg Lorentz von Pirch überstiegen und er das Gut verkaufen mußte. So ging Klein Nossin durch Kaufvertrag 1787 auf Anton von der Marwitz und seine Ehefrau Gottliebe, geb. von Goddentow über.

Da zu dem Verkauf des Gutes das Einverständnis sämtlicher Angehörigen der Pirchschen Familie nötig, dieses aber sehr schwer von allen einzuholen war, wurde der Kaufvertrag ein Jahr später in einen wiederverkäuflichen verwandelt. Klein Nossin sollte den neuen Besitzern für die Zeit von Ostern 1788 bis Ostern 1813 überlassen bleiben. Da aber der Vertrag von Pirchscher Seite nie gekündigt wurde, ist Klein Nossin im Besitz der Familie von der Marwitz geblieben. In den Kriegsjahren 1806 und 1807 bekam das Dorf und auch das Vorwerk Malenz französische Einquartierung, und es hatte schwer an der Aufbringung der Kriegskosten zu tragen. Unweit von Malenz steht die Napoleoneiche, unter der dem Volksmunde nach der Franzosenkaiser einmal kampiert haben soll.

Eine Urkunde aus dem Jahre 1817 nennt die Namen der zum Gut gehörigen Bauern und Kossäten. Die meisten hießen Kebschull, wie auch 1931 noch von 282 Bewohnern 96 Kebschulls waren. Die Bauern und Kossäten wohnten auf Kontrakt, nach welchem sie Pacht zu zahlen und angemessene Dienste zu leisten hatten. Das gesamte lebende und tote Inventar gehörte dem Grundbesitzen Die Regulierung der bäuerlichen Verhältnisse erfolgte in Klein Nossin bis zum Jahre 1829. Nach erfolgter Auseinandersetzung nahm das Gut einen Teil des bäuerlichen Landes zurück und überließ den anderen Teil den Bauern gegen eine Rente. Trotz hoher Lasten besserte sich die Lage der Bauern allmählich.

Am 1. April 1849 übernahm Adalbert von der Marwitz das väterliche Gut. "Eigenartig schön war das Verhältnis zu seinen Leuten, denen er im Leben und Sterben ein Halt war. Er litt schwer unter den neuen Gesetzen, die ihm die Verantwortung für ihr Wohl und Wehe abnahmen und einen Keil zwischen Gutsherrschaft und Gutsleute trieb" (Diest). Es folgte 1908 der Regierungsrat Friedrich von der Marwitz, der das Herrenhaus ausbaute und sich mit großem Eifer der sehr vernachlässigten Wirtschaft widmete.
Der letzte Besitzer war Karl von der Marwitz.

Im Jahre 1938 war das Rittergut 800 ha groß. Es hatte 300 ha Ackerland, 40 ha Wiesen, 30 ha Weiden, 400 ha Wald, 10 ha Unland, Hofraum und
620 Wege und 20 ha Wasserfläche. Der Viehbestand des Gutes belief sich auf 24 Pferde, 90 Stück Rindvieh und 260 Schweine.


WUNDICHOW

Noch bis 1804 besaß Hauptmann Anthon von Pirch das Schloss und erst im 19. Jahrhundert wurde Wundichow Sitz der Familie von der Marwitz. Adalbert von der Marwitz auf Klein Nossin kaufte Wundichow 1856 für 55 000 Taler von der Familie von Pirch und verlegte bald seinen Wohnsitz von Klein Nossin nach Wundichow. Adalbert von der Marwitz starb 1904.

Sein Sohn Georg ist als General der Kavallerie in die Kriegsgeschichte eingegangen. Nach dessem Tode übernahm Victor von der Marwitz das Gut, der somit der letzte Besitzer ist. Der Gutsbetrieb in Wundichow erstrebt mustergültige, wissenschaftlich-volkswirtschaftliche Arbeitsweise mit gesunden, großen Arbeiterhäusern, ausgedehntem Hackfruchtbau anerkannter Sorten, Zucht des deutschen Edelschweines und schwarzweißen Tieflandrindes, Anerkennung von Halmfrüchten, gestützt auf moderne Reinigungsanlagen, Deckstation des Landgestüts Labes für das hannoversche Pferd, maschinelle Einrichtungen in Schmiede und Stellmacherei. Die Forstwirtschaft wird größtenteils dauerwaldartig betrieben mit verstärktem Laubholzunterbau und Mischwald. "

Im Jahre 1938 war das Rittergut 816 ha groß. Es hatte 265 ha Ackerland, 42 ha Wiesen, 19 ha Weiden, 406 ha Wald, 45 ha Unland, Hofraum und Wege und 39 ha Wasserfläche. Zum Gut gehörten 40 Pferde, 77 Stück Rindvieh, neun Schafe und 200 Schweine.

Friedrich August Ludwig von der Marwitz
(1777-1837)

=> Politische Haltung

Friedrich August Ludwig von der Marwitz (* 29. Mai 1777 in Berlin; † 6. Dezember 1837 in Friedersdorf, Kreis Küstrin) war ein preußischer General und Politiker, der in der 1. Hälfte des 19. Jahrhunderts wirkte.

Herkunft und Leben

Herkunft und Leben Marwitz stammte aus einer Familie des Uradels der Neumark. Diese wurde urkundlich zuerst 1259 erwähnt und stammte aus dem Dorf Marwitz (heute polnisch Marwice) bei Landsberg an der Warthe. Seit Jahrhunderten wählten viele männliche Nachkommen dieser Familie eine Militärlaufbahn: Mehrere Hundert davon wurden Offiziere im preußischen Heer, darunter erreichten 14 den Rang eines Generals. Zwei Onkel von Friedrich August Ludwig wurden außer ihm sehr bekannt: Gustav Ludwig von der Marwitz und Johann Friedrich Adolf von der Marwitz, der in Ungnade fiel, weil er sich weigerte, das erbeutete Jagdschloss zu Hubertusburg zu plündern. Das preußische Infanterie-Regiment Nr. 61 trug bis 1918 den Namen der Familie.

Er war eines von fünf Kindern des Königlichen Kammerherrn und späteren Hofmarschalls Behrend Friedrich August von der Marwitz (* 1740, † 1793) und seiner Gemahlin Susanne Sophie Marie Louise geb. von Dorville (* 1756, † 1809). Geboren im familieneigenen Palais in der Wilhelmstraße in Berlin, trat Friedrich August 1790 - also im Alter von nur 13 Jahren - beim preußischen Regiment Gensdarmes ein. Ein Jahr darauf wurde er bereits Kornett und nahm 1802 den Abschied im Rang des Premierleutnants. Doch schon 1805 und 1806 trat er als Rittmeister und Adjutant des Fürsten Hohenlohe wieder in das Regiment ein. In dieser Position spielte er in den anti-napoleonischen Befreiungskriegen Preußens eine wichtige Rolle: so z.B. 1806 in der Schlacht bei Jena. Nach der Kapitulation der Festung Prenzlau wurde er zusammen mit Hohenlohe von Franzosen gefangengenommen. Doch ihm gelang die Flucht über Dänemark und Schweden bis nach Memel in Ostpreußen. Dort versuchte er anfangs vergeblich, die Erlaubnis des ebenfalls dorthin geflüchteten Königs Friedrich Wilhelm III. zur Gründung eines Freikorps zu bekommen.

1807 erhielt Marwitz endlich die ersehnte Erlaubnis und gründete ein Freikorps, das sich am Kampf gegen Napoleon beteiligen sollte. Dieses bestand aus 300 Infanteristen und 500 Reitern, was für damalige Verhältnisse recht groß war. Mit diesem gelangte er nach Rügen und plante, an dem Vorstoß der Preußen, Engländer und Schweden gegen die Franzosen und Sachsen nach der Mark Brandenburg teilzunehmen. Als es zum Frieden von Tilsit kam, musste er sein Korps jedoch auflösen, da das preußische Heer durch die Bedingungen des Friedens erheblich verkleinert wurde. Nun zog er sich als Privatmann in das verwüstete Friedersdorf zurück, wo er sich niederließ.

Angesichts der Niederlagen gegen Napoleon versuchte Preußen in den folgenden Jahren durch einige umfassende Verwaltungs-, Bildungs- und Militärreformen seine innere Stabilität zu verbessern und Anschluss an die gewandelte moderne Kriegsführung zu gewinnen. Initiator waren besonders umfassend der politisch unabhängige Reichsritter vom Stein und - in abgeschwächter Form - der spätere Karl August Fürst von Hardenberg. Ihre Maßnahmen, besonders die Aufhebung der Erbuntertänigkeit der Bauern, stießen jedoch bei den märkischen Adeligen auf erbitterten Widerstand. Marwitz war als Landmarschall der grundbesitzenden Lebuser Stände einer der Führer dieser Opposition. 1811 ließ Hardenberg ihn zusammen mit Friedrich Ludwig Karl Graf von Finckenstein als Frondeure verhaften und auf der Festung Spandau festsetzen, jedoch schon nach fünf Wochen u.a. wegen Interventionen des Kronprinzen, des späteren Friedrich Wilhelm IV., wieder entlassen.

1813 trat Marwitz wieder in die preußische Armee ein und beteiligte sich nun an der Ausbildung einer Landwehr. Eine ihrer Brigaden führte er erfolgreich in der Schlacht bei Wittenberg am 7. Juni 1813. Nach den Kämpfen bei Magdeburg wurde er mit dem Eisernen Kreuz 1. Klasse ausgezeichnet. 1815 zum Oberst befördert, kommandierte er nun eine Kavalleriebrigade und focht mit dem 8. Ulanen-Regiment in den Schlachten bei Ligny und Namur gegen das napoleonische Heer der "100 Tage", wofür er den Orden Pour le Mérite mit Eichenlaub erhielt. Nach dem Ende der Napoleonischen Kriege wurde er Kommandeur der 5. Kavalleriebrigade. 1817 wurde er zum Generalmajor befördert und hatte diesen Posten zehn Jahre inne. 1827 schied er hochgeachtet als Generalleutnant aus der Armee aus.

Bis zu seinem Tod 1837 bewirtschaftete Marwitz dann sein Gut Friedersdorf. Daneben betätigte er sich politisch als Landtagsmarschall des brandenburgischen Provinziallandtags. Im Alter wurde er vom Kronprinzen, dem späteren König Friedrich Wilhelm IV., mit Aufmerksamkeiten und Ehrungen bedacht.

Marwitz hatte Angst, lebendig begraben zu werden und hinterließ daher sehr genaue Anweisungen bezüglich seiner Bestattung. Die Leiche sollte "in einem luftigen Zimmer" liegen, bis "sich deutliche Spuren von Verwesung zeigten", erst dann durfte sie bestattet werden. Er wollte in seiner "vollen Generals-Mundierung nebst Orden" begraben werden, sein Säbel sollte während des Trauergottesdienstes auf einem Kissen neben dem Sarg liegen. Auch zur Begräbniszeremonie, Prozessionsordnung im Trauerzug usw. gab es minutiöse Vorschriften, an die man sich auch hielt. Seine Vorfahren wurden noch in der Familiengruft derer von Marwitz in der Friedersdorfer Kirche begraben, er selbst, seine beiden Frauen, seine Brüder und Kinder (außer Töchtern) liegen auf dem von ihm angelegten Familienfriedhof an der Mauer der Kirche. Der älteste Grabstein ist der seiner ersten Frau, die von ihm folgendes Epitaph erhielt:
"Hier liegt mein Glück. Caroline Franziska Gräfin Brühl ward geboren 1783, den 23. März, vermählt 1803, den 12. May an Friedrich August Ludwig von der Marwitz Erbherrn auf Friedersdorf. Der verließ sie gesund am 14. März 1804. Vierzehn Tage nach einer glücklichen Entbindung, kehrte am 16ten zurück und fand sie tot! Sie war die Freude aller, die sie kannten."

Von Caroline Francisca (Enkelin des Ministers Heinrich von Brühl) bekam er eine Tochter. Mit der zweiten Frau, Charlotte geb. Gräfin von Moltke, (* 1780, † 1848), die er 1809 heiratete, scheint er in keiner so glücklichen Ehe gelebt zu haben, bekam aber von ihr neun Kinder, von denen acht das Wochenbett überlebten. Von seinen drei Söhnen wurde der jüngste, Bernhard Majorat - Herr auf Friedersdorf, der zweite war Schüler an der Ritterakademie von Brandenburg und starb 15 Jahre alt, der älteste starb als Kind. Außerdem überlebten vier Töchter.

 

Politische Haltung

Als Politiker vertrat Marwitz den altpreussischen Adel. Er war - wie die meisten dieser Adeligen - ein vehementer Gegner der Stein-Hardenbergschen Reformen, in denen er - ähnlich wie Yorck von Wartenburg - eine Gefahr für die Privilegien des Adels und des vom Adel gestützten preußischen Staates erblickte. Das Königreich müsse nach seiner Ansicht vom Adel dominiert bleiben.

1811 verfasste er die Lebuser Denkschrift. Darin ließ er die Stände des Lebuser Landes den König fragen, ob "unser altes, ehrwürdiges Brandenburg-Preußen ein neumodischer Staat werden solle?". Als "neumodischen Staat" betrachtete Marwitz die Reformen deshalb, weil sie die Bauern aus ihrer Erbuntertänigkeit vom Gutsherrn befreien sollten und Adelgüter auch für Bürgerliche zum Erwerb freistellte. Dagegen agitierte er für seine Rechtsposition, dass der adelige Großgrundbesitz zugleich die unaufgebbare Machtbasis der herrschenden Hohenzollern sei. Nach Marwitz Meinung brachen die Neuerungen alte ungeschriebene Verträge (u.a. mit Friedrich Wilhelm III. bei dessen Amtsantritt), die der Adel einst mit dem preußischen König geschlossen habe und mit denen er seine Machtansprüche an den König delegiert habe.

Doch die preußischen Reformen waren schon seit Friedrich II. geplant und wurden unter vom Stein und Hardenberg teilweise umgesetzt. Marwitz befürchtete, dass damit das damals aufstrebende städtische Bürgertum, das über weit mehr Kapital verfügte als viele Adelige, diesen durch Aufkaufen von Grundeigentum aus ihren angestammten Besitztümern verdrängen würde. Er sah also im Bodenbesitz die Machtbasis des preußischen Adels.

Marwitz war überzeugt, dass der Adel wie von jeher in alter preußischer Tradition alle Offiziersstellen der Armee inne haben solle und diese Vormachtstellung in der sozialen Struktur des Staates erhalten bleiben müsse. Dieses entsprach den Interessen vieler Adelsfamilien: In Preußen war eine Erbaufteilung von Landgütern wegen des kargen, unfruchtbaren Bodens unwirtschaftlich. So stand für nicht erbende, jüngere männliche Geschwister aus Adelsfamilien häufig nur die Offizierslaufbahn als Karriereweg offen.
Diesen Positionen blieb Marwitz bis ins hohe Alter treu.

Auch in den letzten Lebensjahren bekämpfte er unermüdlich die Ergebnisse der Stein-Hardenbergschen Reformen. Daher sagte Theodor Fontane über ihn:
"Die Marwitze haben dem Lande manchen braven Soldaten, manchen festen Charakter gegeben, keinen aber braver und fester, als Friedrich August Ludwig von der Marwitz, dessen Auftreten einen Wendepunkt in unserem staatlichen Leben bedeutet. Erst von Marwitz´ Zeiten ab existiert in Preußen ein politischer Meinungskampf."

Marwitzens Zeitgenosse, Friedrich Erhardt von Röder, schrieb über ihn in seinen Memoiren von 1807:
"Er war ein ungewöhlicher Mensch und Soldat, kräftig an Leib und Seele, ritterlich, voll Verstand und Scharfblick, geistreich, lebendig, mit gründlichen Kenntnissen ausgestattet, ein wahrer Christ".

Heinrich von Treitschke, bekannter Publizist, charakterisierte Marwitz um 1880 wie folgt:
"Das Urbild des brandenburgischen Junker s, einer der tapfersten Offiziere und der tollste Reiter in der Armee, grob, schroff und knorrig, (...) voll feuriger Vaterlandsliebe, aber auch voll harter Vorurteile, so naiv in seinem Standesstolze, daß er an die rechtliche Meinung seines Gegners kaum je zu glauben vermochte".

Die erwähnten Vorurteile und der Standesstolz waren eben jene alten "Rechts"-Positionen, die Marwitz festhielt, obwohl sie längst nicht mehr der sozialen Realität entsprachen. Das Vaterland, das er liebte, blieb das vom Adel dominierte Preußen, nicht das demokratische Deutschland, das die bürgerliche Demokratiebewegung vor 1848 anstrebte - obwohl beide Seite an Seite gegen Napoleon kämpften.

Der Historiker Gordon A. Craig sieht Marwitz daher als typischen Vertreter des territorialen Feudalismus gegen den bürgerlichen Liberalismus und bewertet seine Wirkung wie folgt:
Auch in der Niederlage (wenn man die nur teilweise Verwirklichung seiner Hoffnungen so nennen kann) blieb Stein auf der politischen Bühne Deutschlands eine dominierende Figur, ein Symbol der Hoffnung dafür, daß Preußen doch noch jenen Weg einschlagen werde, den die Länder Westeuropas genommen hatten. Er war der Gründervater eines neuen deutschen Liberalismus, der Mann, dessen „Testament“ jedes Mal, wenn sich in Deutschland die Kräfte der Bewegung wieder zu rühren anschickten, beschworen und neu veröffentlicht wurde. Aber vielleicht war Marwitz doch der bedeutendere von beiden, jedenfalls im Kontext eines Buches mit dem Titel "Das Ende Preußens". (siehe Literatur)

Dass der spätere König Preußens, Friedrich Wilhelm IV., Marwitz in dessen letzten Lebensjahren so stark ehrte, wies schon voraus auf die zukünftige Rolle des agrarischen Adels im Kaiserreich von 1871. Dort organisierten sich die Adelsinteressen ab 1890 im "Bund der Landwirte". Auch nach 1918 behielten die mitteldeutschen aristokratischen Grundeigentümer, die Marwitz seinerzeit repräsentierte, politischen Einfluss: besonders in der Zeit der Notverordnungen unter Reichspräsident Paul von Hindenburg 1932 und 1933 in Neudeck.

Marwitz widerstrebte in seiner Zeit wirkungsvoll dem Neuen und wurde damit in mancher Hinsicht ein Vorbote für den späteren Untergang der liberalen Traditionen Preußens, den preußische "Junker" wie die Manteuffels, Hammersteins und Oldenburg-Januschaus mit zu verantworten hatten.